Ansprache zum 27. Januar 2016

Ansprache zum 27. Januar 2016, gehalten am 24. Januar 2016 von Eberhard Wagner

Wir gedenken heute – hier in Marpingen zum 20. Mal - der Millionen Getöteten, die im faschistischen deutschen Rassenwahn ihr Leben lassen mussten. Sie waren unschuldig und wurden ermordet, weil sie Juden waren, weil sie Sinti oder Roma waren, weil sie homosexuell waren, weil sie behindert waren, weil sie Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter waren. Sie galten als Volksschädlinge und minderwertig.
Sie wurden diskriminiert, schikaniert, verleumdet und eingesperrt. Sie wurden ermordet,

  • durch Ausrottung durch Arbeit bis hin zum Tod,
  • durch Verhungern lassen,
  • durch pseudo-medizinische Experimente,
  • durch Folter,
  • durch Erschießen,
  • durch Vergasen,
  • durch Todesmärsche wenige Wochen vor Kriegsende.


Wir erinnern heute auch an Alois Kunz, den Sozialdemokraten und Widerstandkämpfer aus Marpingen. Er kam nach 3 Jahren KZ Sachsenhausen im August 1942 ins KZ Auschwitz und wurde am 23. Oktober 1942 dort ermordet. 
Er war einer der ganz wenigen in Marpingen und im damaligen Saargebiet, die gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland kämpften. Er setzte sich mit aller Kraft gegen das drohende Unheil ein und versuchte die Menschen zur Stimmabgabe gegen Hitler zu bewegen. Vergebens.

Kunz erlebte bei seinem Kampf gegen den Anschluss des Saargebietes an Hitler-Deutschland 1933 und 1934 schwierige Zeiten. Er musste die schleichende Nazifizierung großer Bevölkerungsteile und des öffentlichen Lebens mit anschauen.

Trotz Verbots wurden Hitler-Gruß und Hakenkreuzfahne gezeigt, ohne dass die Polizei ewas dagegen unternahm, ja die Polizei selbst und der Beamtenapparat wurden zunehmend von nationalsozialistischem Denken unterwandert. Die Regierungskommission war machtlos.
Ein Großteil der Presse gab freiwillig ihre Unabhängigkeit und kritische Distanz auf und auch die bürgerlichen politischen Parteien passten ihre Verlautbarungen immer mehr denen der Nazi-Partei an.
In Rundfunkabenden hörte man sich gemeinsam in den Gasthaussälen Hitlerreden an, manche Gemeinden verliehen Hitler und anderen prominenten Nationalsozialisten schon lange vor der Abstimmung die Ehrenbürgerrechte ebenso wie  mancherorts die Hauptstraßen schon in Adolf-Hitler-Straßen umbenannt wurden.
Hitler erklärte den 1. Mai zum Feiertag und die Arbeitgeberverbände im Saargebiet, die bisher den 1. Mai als Feiertag vehement bekämpft hatten, forderten ihre Mitglieder nun auf, die Betriebe an diesem Tage geschlossen zu halten.

Diese schleichende Nazifizierung aller Lebensbereiche hatte letztendlich Erfolg und die überwältigende Mehrheit der Saarbevölkerung entschied sich in der Abstimmung am 13. Januar 1935 für Hitler-Deutschland.

Auch wir erleben heute schwierige Zeiten. Ähnlich wie vor 80 Jahren die Seuche des Nationalsozialismus schleichend Herz und Hirn der Menschen infizierte, so scheint mir heute eine schleichende Pegidisierung vonstatten zu gehen.
AFD, Pegida, Hogida, Hogesa, NPD und anderen Gruppen scheint es zu gelingen, Teile unserer etablierten Parteien bis hin zu den Linken ebenso wie Teile der Presse in der Flüchtlingsproblematik vor sich her zu treiben. Manchmal habe ich den Eindruck, einige überbieten sich im Ausschalten ihrer Gehirne und nur die Bundeskanzlerin bleibt standhaft und rational.

Was passiert z.B., wenn wir die Grenzen dicht machen, wenn wir das überhaupt können?

Dadurch wird die Zahl der Flüchtlinge nicht weniger, irgendwo müssen sie hin. Es wird sich sozusagen ein „Rückstau“ ergeben und die Staaten auf der „Balkanroute“ werden ihrerseits auch die Grenzen schließen. Griechenland kann seine Grenze nur schwer verbarrikadieren. Jeder kann sich also ausrechnen, wass geschieht. Unzählige ertrunkene Menschen im Mittelmeer – wir erinnern uns alle noch an das Foto des toten Kindes am Strand - und chaotische Zustände an den Grenzen dieser Länder.
In der Türkei warten über 2,5 Millionen Geflüchtete in unzureichenden Lagern ohne jede Perspektive auf Rückkehr oder Integration. Im kleinen Libanon sitzen 1,5 Millionen Syrer fest, das sind mehr als 20% der libanesischen Bevölkerung, ebenfalls ohne jegliche Perspektive. Ohne die riesige Zahl von Flüchtlingen aus den anderen Kriesengebieten.

Wie soll also durch "Grenzschließungen" und „Obergrenzen“ und andere Schlagworte die Zahl der Flüchtenden gestoppt werden? Das ist Augenwischerei und Irreführung der Bevölkerung. Jedem sollte klar sein, dass man Menschen, die alles verloren und aufgegeben haben und in ihrer jetzigen Situation ohne jegliche Perspektive für sich und ihre Kinder sind, nicht aufhalten kann. Es sei denn, man schießt auf sie an den Grenzen.

Wie heißt es schon im Märchen der Gebrüder Grimm, wo der Esel zum Hahn, der in die Suppe kommen soll, sagt: „Etwas Besseres als den Tod findest du allemal!“

Nun will ich nicht sagen, dass wir heute in Deutschland schon soweit sind, wie in der Zeit vor der NS-Herrschaft.
Nein, wir haben einen überragend großen Teil der Bevölkerung, der hilft und helfen will bei der Bewältigung dieser Situation. Dieser Teil Deutschlands spürt wohl instinktiv, dass wir angesichts unseres Wohlstandes und angesichts von mehr als 70 Jahren Frieden in Mitteleuropa, verpflichtet sind zu helfen. Und wir haben in der Bundeskanzlerin eine Staatsführung, die sich in ihrer Sicht der Dinge nicht beeinflussen lässt, die weiß, dass man mit populistischer Hysterie und Hetze das Problem nicht wird lösen können. Die weiß, dass es hierbei keine einfachen Lösungen geben wird. Und die mit ihrem Satz „Wir schaffen das“ Deutschland eine Richtung gegeben hat und recht hat. Auf dieses Deutschland bin ich jedenfalls stolz.

Aber, die Bundeskanzlerin muss sich zunehmend mit der „Pegidisierung“ ihrer Anhängerschaft auseinandersetzen. Und das wird nicht einfach sein.

Wie könnten Lösungsansätze aussehen?

Wir müssen die Chancen erkennen, die bei schrumpfender Bevölkerungszahl in der Zuwanderung liegen für unser Land. Und dafür muss man Geld in die Hand nehmen, das ja zur Zeit nichts kostet.
Geld für zusätzliche Lehrer(innen), für Erzieher(innen), für Sozialarbeiter(innen), auch für Polizei, für Wohnungsbau, für Integrationsmaßnahmen aller Art.
Und natürlich für Hilfen vor Ort in den Lagern.
Diese Investitionen würden allen Inländern und der gesamten Volkswirtschaft zugute kommen und unser Land nach vorne bringen.

Ich könnte jetzt noch einiges sagen über Fluchtursachenbekämpfung, über Waffenlieferungen, über Außenpolitik und Europapolitik, über Kriegsbeteiligung, ekelhafte Hetze im Internet, menschenfeindliche Gefühllosigkeit, Islam, Kirche und Sexuelle Verbrechen, nord-afrikanische und deutsche Männer, Rocker, die unsere deutschen Frauen beschützen, und, und, und ... und man erkennt, dass es keine einfache Lösungen geben wird.

Hoffen wir, dass wir mit der Bundeskanzlerin standhaft bleiben und uns nicht von der „Pegidisierung“ überwältigen lassen.

Wir begehen diesen Nationalen Gedenktag heute in Marpingen nun schon zum 20. Mal. Seit seiner Einsetzung legen wir hier einen Kranz nieder und erinnern an die Opfer der Nazi-Barbarei. In unserer Einladung schreiben wir immer, dass wir dazu beitragen wollen, den Nationalen Gedenktag in den Köpfen und Herzen der Bevölkerung ebenso zu etablieren wie in den Terminkalendern von Kreis und Gemeinden. Und es war immer unser Wunsch, dass eine zentrale Veranstaltung im Kreis durchgeführt wird. Landrat Udo Recktenwald hat nun zum 2. Mal zu einer zentralen Kreisgedenkstunde eingeladen. Am Freitag, dem 29. Januar, findet sie statt. Um 19.00 Uhr in der Gemeinschaftsschule Türkismühle. Man sieht, unser langer Atem hat Erfolg gehabt.

 

 

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