Ansprache zum 27. Januar 2018

Ansprache 27. Januar 2018, gehalten am 28.01.2018

Wir gedenken heute – hier in Marpingen zum 22. Mal - der Millionen Getöteten, die im faschistischen deutschen Rassenwahn ihr Leben lassen mussten. Sie waren unschuldig und wurden ermordet, weil sie Juden waren, weil sie Sinti oder Roma waren, weil sie homosexuell waren, weil sie behindert waren, weil sie Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter waren. Sie galten als Volksschädlinge und minderwertig.

Sie wurden diskriminiert, schikaniert, verleumdet und eingesperrt. Sie wurden ermordet,

  • durch Ausrottung durch Arbeit bis hin zum Tod,
  • durch Verhungern lassen,
  • durch pseudo-medizinische Experimente,
  • durch Folter,
  • durch Erschießen,
  • durch Vergasen,
  • durch Todesmärsche wenige Wochen vor Kriegsende.

 
Wir erinnern heute auch insbesondere an Alois Kunz, den Sozialdemokraten und Widerstandkämpfer aus Marpingen. Er kam nach 3 Jahren KZ Sachsenhausen im August 1942 ins KZ Auschwitz und wurde am 23. Oktober 1942 dort ermordet.

Er war einer der ganz wenigen in Marpingen und im damaligen Saargebiet, die gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland kämpften. Er setzte sich mit aller Kraft gegen das drohende Unheil ein und versuchte die Menschen zur Stimmabgabe gegen Hitler zu bewegen. Vergebens.

In ihm hätte Marpingen eine ganz außergewöhnliche Identifikationspersönlichkeit, auf die die Gemeinde besonders stolz sein könnte. Ähnlich wie Saarbrücken, das derzeit zurecht an seinen berühmten Ehrenbürger Willi Graf erinnert.

Alois Kunz kann man getrost mit Willi Graf vergleichen. Wie dieser versuchte Kunz die Bevölkerung vor dem Nationalsozialismus zu warnen. Wie dieser ohne Erfolg und wie dieser wurde er von dem verbrecherischen System ermordet.

Aber in Marpingen ist man nicht stolz auf Alois Kunz. In Marpingen ist er kein Ehrenbürger. Wohingegen in allen Marpinger Ortsteilen ehemalige Nazis Ehrenbürger sind. Das sollte die heutigen Verantwortlichen eigentlich einmal zum Nachdenken bewegen.

Und zur Erinnerung: im Marpinger Ehrenbuch werden nach wie vor der Ortsgruppenleiter der NSDAP Hahn und der Aufseher in Auschwitz, der SS-Mann Reinhold Schmidt, als Helden geehrt.

 Wir erinnern heute auch an die anderen Marpinger, die in Auschwitz den Tod fanden:

An Johann Adam Huber, genannt Addi, aus Urexweiler, der als Homosexueller in seinem Dorf keine Chance hatte, das nationalsozialistische Verbrecherregime zu überleben. Er beugte sich nicht dem damaligen Zeitgeist, wurde mehrfach denunziert, mehrfach eingesperrt, konnte der Gestapo entfliehen, lebte fast ein Jahr im Untergrund und wurde dann doch gefasst und im KZ ermordet. Derweil teilten die Bürger seines Dorfes und der umliegenden Dörfer sein Eigentum unter sich auf.

 Oder die drei Kinder Weiß, Peter, Maria und Eva, alle drei in Urexweiler geboren und getauft, alle hatten Paten aus Urexweiler. Alle drei wurden in Auschwitz ermordet, Peter und Maria am selben Tag, am 23. Juni 1943, Eva am 10. Mai 1943. Peter hatte im April 1936 noch versucht – er war damals 11 Jahre – bei seinem Urexweiler Paten Zuflucht zu suchen, aber vergeblich, er wurde abgewiesen und landete im Jugend-KZ Moringen. Dort sollte an Sintikindern wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass Kriminalität und Asozialität erblich bedingt seien, insbesondere bei den sogenannten Zigeunern, und somit die rassistische Rechtfertigung für die Ausrottung dieser Bevölkerungsgruppe gelegt werden.

 Kunz musste 1933 und 1934 die schleichende Nazifizierung großer Bevölkerungsteile und des öffentlichen Lebens miterleben.

 Unschwer kann man heute Parallelen zu damals erkennen. Ähnlich wie vor 80 Jahren die Seuche des Nationalsozialismus schleichend Herz und Hirn der Menschen infizierte, so scheinen sich auch heute die Unmenschlichkeit und der Hass auf Zuwanderer und Minderheiten wieder in den Herzen vieler Menschen einzunisten.

 Das damalige Saargebiet ist eine wunderbare Blaupause für das, was heute in unserem Land vorgeht. Ich will versuchen das an ein paar Beispielen zu verdeutlichen.

 Am 30. Januar 1933 übergab der damalige Reichspräsident von Hindenburg die Macht an Adolf Hitler und seine Partei. Was diese damit machten ist bekannt. Aber geschehen konnte das nur, weil die Mehrheit der Deutschen schon mit dem Nazivirus infiziert war.

Das Saargebiet kam bekanntlich erst am 13. Januar 1935 unter die NS-Herrschaft. In den zwei Jahren davor konnten die Saarländer beobachten, was im Reich vor sich ging, ohne selbst direkt davon betroffen zu sein.

  • Am 06.11.1932 erhielt die NSDAP bei den Reichtagswahlen 33,1 %
  • Im Saargebiet, ein halbes Jahr zuvor, am 13.03.1932 bei den Landesratswahlen, wo die NSDAP zum ersten Mal im Saargebiet antrat, erhielt sie 6,7 %
  • Am 13.11.1932 bei den Kreistagswahlen im Saargebiet erhielt die NSDAP 8,6 %
  • Dann kam der 30. Januar 1933
  • Dann kam die Reichtagswahl am 05.03.1933, eine Woche nach dem Reichtagsbrand. Die NSDAP erhielt 43,9 %
  • Anfang 1933 gab es im Saargebiet kommunale Nachwahlen in Dudweiler, Hilschbach, Nalbach, Ludweiler, Karlsbrunn und Naßweiler
  • Am 19.02.1933 in Dudweiler: im Vergleich zur Kommunalwahl am 13.11.1932 verdoppelte sich die NSDAP von 6,7 % auf 13,2 %
  • 28.05.1933 in Nalbach: NSDAP von 6,4 % auf 46,4 %
  • 02.07.1933 in Ludweiler: NSDAP von 2,5 % auf 32,1 %
  • 02.07.1933 in Karlsbrunn: NSDAP von 0 auf 47,6 %
  • 02.07.1933 in Naßweiler: NSDAP von 0 auf 29,1 %
  • Immerhin gaben in den Nachwahlgemeinden über 3000 Menschen ihre Stimme ab, was schon als repräsentative Umfrage bewerten werden kann.

 
Wir sehen, alles, was durch die Nazis im Reich schon 1933 an Demokratiezerstörung und Verbrechen geschah, ließ die Wähler(innen) der Nachwahlen im Saargebiet kalt. Sie gaben in großer Zahl der NSDAP ihre Stimme.

Danach gab es im Saargebiet keine Wahlen mehr bis zur Abstimmung, die ja bekanntlich 91% Zustimmung für Hitler-Deutschland erbrachte. Innerhalb von noch nicht einmal 2 Jahren hatte sich die Abneigung gegen die NSDAP umgewandelt in eine euphorische Zustimmung.

 Was kann man hieraus ersehen?

Man kann hieraus ersehen, wie schnell Stimmungen sich ändern können. Innerhalb von kurzer Zeit wurde die NSDAP im Saargebiet für viele Wählerinnen wählbar. Das konnte aber nur geschehen, nach meiner Meinung, weil die Leute die Nazi-Ideologie nicht mehr abstoßend fanden, sondern im Gegenteil von ihr angetan waren. Damals fand man in den Juden die Ursache allen Übels, heute in den Migranten. Das geht sogar schon so weit, dass ein ehemaliger Marpinger wichtiger CDU Politiker auf Facebook postet, dass die Flüchtlinge daran schuld seien, das Hauptschullehrer in Gemeinschaftsschulen nicht gleich mit Realschullehrern und Gymnasiallehrern bezahlt werden, weil alles Geld für die Flüchtlinge ausgegeben würde.

 Konnte man in den Wahlkampfzeiten vor den Reichtagswahlen im Juli und im November 1932 in den katholischen Zentrumszeitungen im Saargebiet noch regelrechte Schimpftiraden über die Nazis lesen, wie „reaktionäre Sklavenhalter“ und „Rassejünglinge“ oder über Goebbels konnte man lesen „Keiner wird behaupten wollen, dass der kleine Goebbels ein klassisch schönes Ebenbild des nordischen Rassemenschen repräsentiert“, so änderte sich das in weniger als einem Jahr. Der Widerstand erlahmte in unglaublich schnellem Tempo, das Zentrum und die anderen sog. Bürgerlichen Parteien lösten sich freiwillig auf und schlossen sich der von der NSDAP dominierten Deutschen Front an. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Parteimitglieder und Anhänger(innen) schon längst zu Hitler übergeschwenkt waren.

 Heute können wir beobachten wie Teile der Union, hier insbesondere die CSU, aber auch Teile der Linken und der SPD immer stärker sich an manche Thesen der AFD annähern, Stichworte: Asylrecht, Familiennachzug, Obergrenze, Abschiebung, Tetosteron gesteuerte junge moslemische Männer, Kopftuchfrage, usw.

 Ein Blick in die USA zeigt uns, wie schnell und unerwartet sicher geglaubte Strukturen wegbrechen können. Und wer gibt uns die Garantie, dass nicht Teile er etablierten Parteien mit der AFD zusammenarbeiten werden und wir mir nichts dir nichts eine menschenfeindliche Regierung haben? Auch in Österreich haben wir gesehen, wie schnell das gehen kann. Dort stellen die Rechtsradikalen mehrere Minister.

Ich kann also nur appellieren: Seid wachsam, erhebt eure Stimme gegen diese Entwicklungen, wo es immer geht.

 Zur Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen legen wir nun unseren Kranz nieder.

 

 

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