Ansprache vom 27. Januar 2009

Ansprache 27. Januar 2009, gehalten am 24.01.2009 von Eberhard Wagner

Warum treffen wir uns heute hier?
Natürlich um uns zu erinnern und zu gedenken. Wir erinnern uns und gedenken heute an alle Menschen, die den nationalsozialistischen Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Wir gedenken aber nicht an die, die auf irgendeine Weise mit dazu beigetragen und mit geholfen haben, dass es in Deutschland zur Errichtung des nationalsozialistischen Verbrecherstaates gekommen ist. Auch viele von ihnen wurden leider ebenfalls betroffen an Leib und Leben. Aber sie zähle ich nicht zu den Opfern, an die wir heute gedenken.
Der 27. Januar ist der Gedenktag für die eigentlichen Opfer. Heute denken wir an die Juden, an die Sinti und Roma, an die Homosexuellen, an Behinderte, Regime-gegner(innen), Widerständler und viele andere Ermordete, die in Konzentrations-lagern umgebracht wurden, ebenso an die Zwangsarbeiter(innen) und Deserteure. Wir treffen uns aber heute auch, um mit dazu beizutragen, dass es in unserem Land, in den Kreisen und Gemeinden endlich eine andere und angemessene Gedenkkultur gibt.

Der Nationale Gedenktag, den wir heute vorgezogen begehen, wurde als solcher 1996 vom ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, dem höchsten Repräsentanten unserer Republik, eingerichtet. Nur wird er nicht so wahrge-nommen, wie es sich gebühren müsste. Diese Nichtwahrnahme ist eigentlich eine Geringschätzung des Amtes des Bundespräsidenten und Staatsober-hauptes. In den USA, man erinnere sich an die Amtseinführung des Präsidenten Anfang der Woche, wäre es sicherlich undenkbar, dass ein Nationaler Gedenktag, vom Staatsoberhaupt proklamiert, so wenig geschätzt und wahrgenommen wird. Nach wie vor wird in den Gemeinden der Volkstrauertag offiziell begangen, oft mit Feuerwehr und Musikvereinen. Nicht dass ich etwas dagegen einzuwenden hätte. Aber es gehört eben zu einer wahrhaftigen Gedenkkultur dazu, dass man auch der tatsächlichen Opfer der Verbrechen gedenkt, die in deutschem Namen geschahen. Der Bundespräsident richtet einen nationalen Gedenktag ein und die Gemeinden und Städte weigern sich, ihn gebührend zu begehen. Das ist in meinen Augen ein Affront gegen die Autorität des Amtes des Bundespräsidenten. Aber nur wenige stören sich daran.
Im vorigen Jahr, wir erinnern uns vielleicht noch, war für den 27. Januar in München ein Faschingsumzug geplant – direkt am „Platz der Opfer des Nationalsozialismus" vorbei. Sogar der Oberbürgermeister der Stadt München fand nichts dabei. Wir sehen nicht nur an diesem Beispiel, dass unsere Gedenkkultur ziemlich einseitig ist.

Schauen wir in die Kreisstadt St. Wendel:
Dort gab es ein blühendes jüdisches Leben bis 1935. Dann verschwand es innerhalb eines Jahres. Viele St. Wendeler jüdische Bürger und Bürgerinnen wurden im KZ ermordet, nachdem sie schikaniert und deportiert worden waren. Aber was erinnert uns in St. Wendel an sie?
Nichts.
Eine kleine unscheinbare Erinnerungstafel am Platz, wo die Synagoge stand. Sonst nichts.
Auch hier wird nicht nur der Nationale Gedenktag nicht begangen, hier gibt es so gut wie keine Spur dieses großartigen jüdischen Lebens dort. Hier könnten wir zum Beispiel mit einer neuen Gedenkkultur ansetzen.
Nur einige wenige private Organisationen und nur ganz wenige Gemeinden halten neben der Gedenkfeier des Landtagspräsidenten an diesem 27. Januar Gedenkfeiern ab. Im Kreis ist unser Verein die einzige Organisation neben dem Adolf Bender Zentrum, die an die Verbrechen der Nazizeit erinnert.
Warum können sich die Gemeinden nicht dazu aufraffen, diesen Tag offiziell zu begehen? Schließlich ist es ein nationaler Gedenktag!

Unser Verein führt die Gedenkfeier nun schon zum 13. Male durch. Wir haben das sogar in unserer Satzung als einer der Vereinszwecke stehen. Wir würden uns freuen, wenn die Gemeinde sich dazu entschließen könnte, mit uns zusammen diese Feier auszurichten. Das wäre ein erster Schritt in Richtung andere Gedenkkultur. Auch auf Kreisebene tut sich etwas: Dem Landrat liegt eine Initiative von Dr. Magnus Jung, Sprecher der SPD-Fraktion im Kreistag, in dieser Richtung vor. Das macht Hoffnung.

Am kommenden Dienstag jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 64. Mal. Dort wurden mehr als 1 Million Menschen systematisch ermordet. Es war sozusagen „Lagerzweck", die Arbeitsfähigen bis zum Tode auszubeuten und Kinder und Alte, überwiegend jüdische Menschen, aber auch Sinti und Roma, direkt ins Gas zu schicken. In Auschwitz wurde auch, wie wir mittlerweile alle wissen, der Marpinger Sozialdemokrat Alois Kunz, vor dessen Erinnerungstafel wir hier stehen, ermordet. Auch seiner gedenken wir heute. Er bezahlte seine Gegnerschaft zum Hitlerregime mit dem Leben. Am 23. Oktober 1942 wurde er in Auschwitz ermordet. Zuvor war er von September 1939 bis zum 26. August 1942 ununterbrochen im KZ Sachsenhausen inhaftiert.
Zur gleichen Zeit wie Alois Kunz war ein weiterer Marpinger in Auschwitz zu gange: ein Mann namens Reinhold Schmidt. Er steht im Marpinger Ehrenbuch mit seinem militärischen Rang. Er steht dort als Unterscharführer der Waffen-SS. Er war aber kein Soldat, der gefallen ist. Er war seit März 1933 Mitglied der Nazi-Partei, wurde am 01. April 1935 Mitglied der allgemeinen SS und beantragte zum 27. Januar 1941 seine Aufnahme in die Waffen-SS. Als Freiwilliger wurde er am 31. März 1941 zum Dienst im „SS-Totenkopf-Wachsturmbann" ins KZ Auschwitz versetzt. Er begann dort seinen Dienst zu der Zeit als das Stammlager ausgebaut und das Vernichtungslager Birkenau aufgebaut wurde. Er war in Auschwitz von Anfang an auf seiten der Täter dabei. Er arbeitete dort in der Kommandantur und hatte Einblick in viele Abläufe. Der Marpinger Reinhold Schmidt war zur gleichen Zeit im KZ Auschwitz, in der der Marpinger Alois Kunz dort ermordet wurde. Er gehörte zu den SS-Wachmannschaften und war dort Aufseher. Er steht im Marpinger Ehrenbuch, das auch heute noch seine Gültigkeit hat. Nach unserer Meinung ist es an der Zeit, dieses Ehrenbuch, das der Gemeinde nicht zur Ehre gereicht, aus dem Verkehr zu ziehen und für ungültig zu erklären.

Im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, die in deutschem Namen begangen wurden, legen wir nun heute diesen Kranz an der Erinnerungstafel an Alois Kunz nieder.

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