Ansprache vom 27. Januar 2012

Ansprache 27. Januar 2012, gehalten am 28. Januar 2012 von Eberhard Wagner.

Wir gedenken heute der Millionen Getöteten, die im faschistischen deutschen Rassenwahn ihr Leben lassen mussten. Sie waren unschuldig und wurden ermordet, weil sie Juden waren, weil sie Sinti oder Roma waren, weil sie homosexuell waren, weil sie behindert waren, weil sie Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter waren. Sie galten als Volksschädlinge und minderwertig.
Sie wurden diskriminiert, schikaniert, verleumdet und eingesperrt. Sie wurden ermordet,

  • durch Ausrottung durch Arbeit bis hin zum Tod,
  • durch Verhungern lassen,
  • durch pseudo-medizinische Experimente,
  • durch Erschießen,
  • durch Vergasen,
  • durch Todesmärsche wenige Wochen vor Kriegsende.

Mehr als 40 Personen nahmen an der Gedenkstunde teil
Wir Deutsche, unsere Väter und Großväter, wir zogen praktisch während des Krieges durch Europa und fingen Juden ein. Wir überfielen die europäischen Länder, mit dem Ziel, ihre Juden zu töten. Wir sammelten und deportierten praktisch Menschen im Ausland, um sie zu ermorden.

Es waren französische, italienische, holländische, belgische, luxemburgische, dänische, norwegische, polnische, ungarische, griechische, ukrainische, polnische, tschechische, slowakische, jugoslawische, rumänische jüdische Bürger, Bürger aus ganz Europa.

Am 20 Januar 1942, vor 70 Jahren, in der Wannsee-Konferenz, ist die Rede von über 11 Millionen Juden in ganz Europa, die getötet werden sollten. Auch aus der Schweiz, England, Irland, Spanien und der Türkei sollten die Juden deportiert werden. Im deutsche Altreich waren es „nur" 131.800, die für diese „Endlösung" in Frage kamen.
In dem Protokoll dieser Konferenz heißt es u.a. wörtlich:

„Unter entsprechender Leitung sollen im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesen zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe Erfahrung der Geschichte.) Im Zuge der Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt. Das Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen und Mähren wird, allein schon aus Gründen der Wohnungsfrage und sonstiger sozialpolitischer Notwendigkeiten, vorweggenommen werden müssen."

Allein an diesen Worten kann man sehen wie einzigartig dieses Verbrechen ist, das in deutschem Namen begangen wurde.
Und den vielen, die auch heute immer noch und immer wieder dieses größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte negieren und relativieren, die uns Deutsche als Opfer hinstellen, denen muss man diese Zielsetzung immer wieder vor Augen halten. Wir Deutsche hatten uns vorgenommen, alle Juden Europas auszurotten. Nur aus einem Grund: Weil sie Juden waren. Kinder, Frauen, Männer, Alte, keiner sollte überleben.Der Vorsitzende bei seiner Ansprache

Die totale Endlösung konnte nicht so durchgeführt werden, wie sie geplant war. Die Niederlage im Krieg kam Gott-sei-Dank dazwischen.
Im Protokoll der Wannsee-Konferenz ist die Rede von 11 Millionen Juden. Tatsächlich ist es den deutschen Verbrechern aber nur gelungen etwa 6 Millionen von ihnen zu ermorden. Darüber aber nun glücklich zu sein, wäre zynisch. Jeder einzelne Mensch, der in deutschem Namen umgebracht wurde, ist ein Mensch zu viel.

3 Jahre nach der Wannsee-Konferenz wurde das KZ Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit. Das war gestern vor 67 Jahren. In diesem größten Vernichtungslager wurden mindestens 1,1 Millionen Menschen ums Leben gebracht, die Mehrzahl von ihnen, nämlich etwa 960.000, waren jüdische Menschen. Und die Mehrzahl von ihnen wiederum wurde direkt ohne Registrierung in die Gaskammern getrieben. Nur etwa 30% hatte das „Glück" selektiert zu werden und vielleicht zu überleben.

Aber kann man sich unter diesen Millionenzahlen überhaupt etwas vorstellen? Man kennt keine Namen und so verschwinden die Einzelnen in der riesigen Masse der Anonymität. Für die Mehrzahl der Ermordeten gibt es keine Grabsteine, worauf mit Namensnennung an sie erinnert wird. Auch im Saarland gibt es noch kein zentrales öffentliches Denkmal mit den Namen der Ermordeten, geschweige denn in den Gemeinden, in denen Juden wohnten.
Auch in St. Wendel nicht. Aber hier in unserer Kreisstadt ist es unter starker Mitwirkung unseres Vereins immerhin gelungen, einen Anfang zu machen. Im letzten April wurden hier 11 Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig verlegt, durch die mit Namensnennung an die Ermordeten erinnert wird. Hoffen wir, dass auch noch an die übrigen 23 ermordeten jüdischen St. Wendeler in nicht allzu ferner Zeit namentlich im öffentlichen Raum erinnert wird.

Die 11 St. Wendeler Juden, für die die Stolpersteine verlegt wurden, fanden alle in Auschwitz den Tod. Genauso wie Alois Kunz, vor dessen Gedenkplatte wir hier stehen. Er wurde am 23. Oktober 1942 dort ermordet. Er hatte als einer der ganz wenigen Marpinger im Abstimmungskampf 1933/34 vor Hitler und dem Nationalsozialismus gewarnt und sich massiv gegen einen Anschluss des Saargenbietes an Nazi-Deutschland eingesetzt. Nach dem Abstimmungssieg der Nazis wurde er und seine Familie in Marpingen weiterhin diskriminiert und geächtet und am 8. September 1939 nach Denunziation durch den Marpinger NSDAP Ortsgruppenleiter von der Gestapo verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verbracht. Von dort kam er ins KZ Auschwitz, wo man ihn ermordete.

Zur gleiche Zeit als der Marpinger Kunz in Auschwitz war, tat ein anderer Marpinger dort in der SS Dienst als KZ-Wächter. Dieser Mann wird heute noch im Marpinger Ehrenbuch als Held geehrt ebenso wie der Ortsgruppenleiter der NSDAP, der Kunz denunzierte, und die Gemeinde Marpingen sieht keine Veranlassung das Buch zu korrigieren. Vielleicht besinnt sie sich eines Tages doch noch.

Zum Schluss möchte ich noch auf etwas hinweisen. Wir gedenken heute ja auch der unzähligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die als junge Menschen gegen ihren Willen nach Deutschland verbracht wurden, um die deutschen Männer, die im Krieg waren, zu ersetzen. In der Gemeinde Marpingen waren es mindestens 71 Menschen. Unter ihnen auch Michel Saladjak, geboren am 21.11.1921. Nach Kriegsende blieb er in Marpingen, zunächst in Alsweiler und später in Urexweiler. Dort starb er auch am 15. Juli 1986. Laut Sterbeblättchen, das an seiner Beerdigung in Urexweiler verteilt wurde, hat er der katholischen ukrainischen Gemeinde in den Bistümern Trier und Speyer viele Dienste erwiesen, besonders als Übersetzer und Sänger der Liturgie.
Jetzt soll im Mai dieses Jahres im Zuge der Einebnung von Reihen- und Einzelgräbern in Urexweiler auch sein Grab beseitigt werden.
Wir finden, die Gemeinde sollte gerade dieses Grab eines Zwangsarbeiters nicht einebnen und somit für immer verschwinden lassen. Hier hätte die Gemeinde nun die Möglichkeit, diesen Grabstein zu erhalten und mit ihm an geeigneter Stelle an die Zwangsarbeiter und ihr Schicksal zu erinnern.
Wir werden jedenfalls mit diesem Anliegen an die Gemeinde herantreten und hoffen, dass diese Gelegenheit, an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter von Marpingen zu erinnern, wahrgenommen wird.Gedenkkranz an Alois Kunz

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an Alois Kunz legen wir nun den Kranz nieder.

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