Ansprache vom 27. Januar 2013

Ansprache vom 27. Januar 2013, gehalten am 27.01.2013 von Eberhard Wagner.

Wir gedenken heute der Millionen Getöteten, die im faschistischen deutschen Rassenwahn ihr Leben lassen mussten. Sie waren unschuldig und wurden ermordet, weil sie Juden waren, weil sie Sinti oder Roma waren, weil sie homosexuell waren, weil sie behindert waren, weil sie Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter waren. Sie galten als Volksschädlinge und minderwertig.

Sie wurden diskriminiert, schikaniert, verleumdet und eingesperrt. Sie wurden ermordet,

durch Ausrottung durch Arbeit bis hin zum Tod,
durch Verhungern lassen,
durch pseudo-medizinische Experimente,
durch Erschießen,
durch Vergasen,
durch Todesmärsche wenige Wochen vor Kriegsende.Kranzniederlegung 2013

Wir Deutsche, unsere Väter und Großväter, wir zogen praktisch während des Krieges durch Europa und fingen Juden ein. Wir überfielen die europäischen Länder, mit dem Ziel, ihre Juden zu töten. Wir sammelten und deportierten praktisch Ausländer, um sie zu ermorden.
Es waren französische, italienische, holländische, belgische, luxemburgische, dänische, norwegische, polnische, ungarische, griechische, ukrainische, polnische, tschechische, slowakische, jugoslawische, rumänische jüdische Bürger, Bürger aus ganz Europa.

Im vorigen Jahr erinnerte ich an die Wannseekonferenz, die damals 70 Jahre zurücklag. In diesem Jahr können wir uns an 80 Jahre Machtübertragung erinnern. Ich sage bewusst Machtübertragung und nicht –ergreifung. Denn am 30. Januar 1933 übergab der Reichspräsident Von Hindenburg dem österreichischen Gefreiten Adolf Hitler verfassungsgemäß die Macht über das Deutsche Reich, die dieser und seine Spießgesellen dann systematisch unter Mithilfe von Verwaltung, Bürokratie und Institutionen sowie der Mehrheit der deutschen Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit ergriff und jegliche Opposition und jeglichen Widerstand ausschaltete und, im wahrsten Sinne des Wortes, mundtot machte. 2 Jahre nach dieser Machtübertragung entschied sich die Saarbevölkerung mit über 90 % Zustimmung für das neu entstandene totalitäre Deutschland.

Alois Kunz war einer der wenigen, die gegen diesen Anschluss kämpften. Er setzte sich mit aller Kraft gegen das drohende Unheil ein und versuchte die Menschen zur Stimmabgabe gegen Hitler zu bewegen. Vergebens. 1939 wurde er denunziert, ins KZ Sachsenhausen deportiert und 1942 von dort ins KZ Auschwitz, wor er am 23 Oktober 1942 ermordet wurde. Auch an ihn erinnern wir heute hier.

Wir begehen diesen Nationalen Gedenktag heute in Marpingen schon zum 17. Mal. Seit seiner Einsetzung legen wir hier einen Kranz nieder und erinnern an die Opfer der Nazi-Barbarei. Wir sind dabei auch unserem Ziel, diesen Tag in die Köpfe und Herzen von Bevölkerung und Öffentlichkeit zu etablieren, ein Stückchen näher gekommen. Wir werden wahrgenommen.
Dass das notwendig ist, zeigt auch so Einiges, was im vorigen Jahr bekannt geworden ist.

Ich erinnere an die Studie „Die Mitte im Umbruch", in der festgestellt wurde, dass bundesweit 9% der Bevölkerung ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, 16 % im Osten und 7 % im Westen. Besorgniserregend seien die Ergebnisse unter den 14- bis 30-jährigen. Wörtlich: „...hier wächst eine Generation heran, die alle bisherigen Gruppen in ihrer rechten Einstellung zu überbieten droht." 22 % der Westdeutschen und sogar 39 % der Ostdeutschen sind nach der Studie ausländerfeindlich, 25 % auf ganz Deutschland bezogen, und die Ausländerfeindlichkeit sei sozusagen die Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus.
Dass der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß sei finden im Osten 19 % und im Westen 20 % und dem Satz „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert" finden im Osten 19 % und im Westen 15 % gut. Das sind schon erschreckende Zahlen.

Da können einen die Geschehnisse um den NSU – Nationalsozialistischer Untergrund – eigentlich fast nicht mehr erstaunen. Wenn Ermittlungsbehörden jahrelang nicht auf die Idee kommen, hier einen fremdenfeindlichen und rechtsextremen Hintergrund zu vermuten, und wenn Akten verschwinden und geschreddert werden. Auch die Menschen in den Behörden gehören zur Bevölkerung und sind demnach zu mehr als einem Viertel ausländerfeindlich eingestellt und auch 9 % von ihnen haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild.

Am kommenden Donnerstag entscheidet der Stadtrat von Völklingen darüber, ob die „Hermann Röchling Höhe" umbenannt wird in „Bouser Höhe". Die Bürgerinitiative „Gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit" dort hat den Antrag gestellt. Als Kompromiss wollen SPD und CDU jetzt den Stadteil in „Röchling Höhe" umbenennen. Als ob das die Lösung wäre. Offensichtlich hat man Angst vor dem großen Teil in der Bevölkerung und auch in der eigenen Wählerschaft mit rechtsextremem Weltbild. In Völklingen sitzt die NPD im Stadtrat und führt den Widerstand gegen die Umbenennung in Bouser Höhe an und SPD und CDU lassen sich instrumentalisieren. Hermann Röchling war Nazi und ist ein verurteilter Kriegsverbrecher und seine Familie profitierte und bereicherte sich an dem 10.000-fachen Einsatz von Zwangsarbeiter(innen). Bis 1956 hieß der Stadttei übrigens „Bouser Höhe".

Zum Schluss möchte ich noch an unseren Antrag auf Errichtung einer Erinnerungsstelle für die Marpinger Zwangsarbeiter(innen) erinnern. Vor einem Jahr hatte ich an dieser Stelle zum ersten Mal öffentlich darauf hin gewiesen. Im April 2012 stimmte der Hauptausschuss einstimmig zu, eine Gedenkstätte für die 71 Marpinger Zwangsarbeiter(innen) zu errichten. Es sah so aus, als würde das Projekt ohne große Widerstände zu verwirklichen sein. Nun wurde aber in der Gemeinderatssitzung vom 12. Dezember 2012 vom Ortsvorsteher von Alsweiler in Frage gestellt, dass es sich hierbei überhaupt um Zwangsarbeiter(innen) handeln würde und ein Mahnmal an sie in der Nähe des Hiwwelhauses in Alsweiler würde dieses herabwürdigen. Und der Sprecher der CDU-Fraktion meinte, die Entscheidung für eine Gedenkstätte an die Marpinger Zwangsarbeiter(innen) sei „noch nicht reif". Mitglieder der SPD-Fraktion widersprachen zwar heftig diesen geschichtsklitternden Ansichten, aber die Entscheidung wurde vertagt. Wir werden sehen wie sich die Sache weiter entwickelt und hoffen natürlich, dass die Mehrheit im GR der Gedenkstätte zustimmt.

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an Alois Kunz legen wir nun den Kranz nieder.

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