Ansprache zum 27. Januar 2014

Ansprache zum 27. Januar 2014, gehalten am Sonntag, dem 26. Januar 2014, von Eberhard Wagner.
Wir gedenken heute – hier in Marpingen zum 18. Mal - der Millionen Getöteten, die im faschistischen deutschen Rassenwahn ihr Leben lassen mussten. Sie waren unschuldig und wurden ermordet, weil sie Juden waren, weil sie Sinti oder Roma waren, weil sie homosexuell waren, weil sie behindert waren, weil sie Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter waren. Sie galten als Volksschädlinge und minderwertig.
Sie wurden diskriminiert, schikaniert, verleumdet und eingesperrt. Sie wurden ermordet,
· durch Ausrottung durch Arbeit bis hin zum Tod,
· durch Verhungern lassen,
· durch pseudo-medizinische Experimente,
· durch Erschießen,
· durch Vergasen,
· durch Todesmärsche wenige Wochen vor Kriegsende.DSCF5647
Ich muss es jedes Jahr wiederholen:
Wir Deutsche, unsere Väter und Großväter, wir zogen praktisch während des Krieges durch Europa und fingen Juden ein. Wir überfielen die europäischen Länder, mit dem hauptsächlichen Ziel, ihre Juden zu töten. Wir sammelten und deportierten diese Menschen, um sie zu ermorden.
Auschwitz ist das Synonym für diesen Völkermord. Dort wurden mindestens 1,6 Millionen Menschen ermordet, überwiegend Menschen jüdischen Glaubens.
Aus Frankreich z.B. wurden zwischen März 1942 und August 1944 in über 80 Transporten ca. 80.000 Juden deportiert. Serge Klarsfeld hat sie in seinem „Erinnerungsbuch an die deportierten Juden aus Frankreich" alle namentlich festgehalten. Unter ihnen waren über 10.000 Kinder. Sie wurden von der Reichsbahn in Viehwaggons von Paris (meist) über Saarbrücken nach Auschwitz transportiert. Nur ganz wenige überlebten.
Am 6. April 1944 wurden 44 jüdische Kinder in einem Kinderheim in Izieu, im Département AIN in den französischen Voralpen, etwa 80 km östlich von Lyon, festgenommen. Kinder zwischen 4 und 17 Jahren, darunter auch jeweils 7 Kinder aus Deutschland und Österreich. Sie waren von jüdischen Hilfsorganisationen in dem Kinderheim in den Bergen versteckt worden, weil ihre Eltern meist schon deportiert worden waren. Alle 44 wurde in Auschwitz vergast. Hauptverantwortlicher für diese Gräueltat war der Gestapochef von Lyon, Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon. Obwohl in Frankreich nach dem Kriege 3 Mal in Abwesenheit zum Tode verurteilt, verhalfen ihm deutsche und amerikanische Geheimdienste zur Flucht nach Bolivien. Hier wurde er von Serge und Beate Klarsfeld Anfang der 1970er Jahre aufgespürt. Aber noch mehr als 10 Jahre lang wurde er von der Diktatur dort geschützt und erst im Februar 1983 konnte er nach Frankreich ausgeliefert werden, wo er dann in einem aufsehenerregenden Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1991 verstarb er im Gefängnis in Lyon.
Von Ende April bis Mitte Juli 1944 brachten 147 Deportationszüge über 430.000 ungarische Juden nach Auschwitz. Die 4 Krematorien in Birkenau liefen in diesen etwa 10 Wochen auf Hochtouren und konnten doch nicht alle Leichen einäschern, so dass man Leichenberge anhäufte und die toten Menschen unter freiem Himmel verbrannte. Etwa 400.000 ungarische Juden fielen dieser Aktion zum Opfer.
In der Bundesrepublik wollte man fast 20 Jahre den Judenmord nicht wahrnehmen. Erst die Auschwitzprozesse in den 1960er Jahren in Frankfurt öffnete denen, die es wissen wollten, die Augen, und es dauert bis heute an, um das ganze Ausmaß des Holocaust zu realisieren.
Auch Marpingen hat seine Verbindungen zu Auschwitz.
Wir stehen hier vor der Gedenkplatte an den Sozialdemokraten Alois Kunz, der seinen Widerstand gegen das Naziregime mit dem Leben bezahlen musste. Er wurde nach einer Denunziation des Marpinger NSDAP-Ortsgruppenleiters am 8. September 1939 wegen „staatsfeindlicher Äußerungen – Vergehen gegen das Heimtückegesetz" verhaftet, kam zunächst ins KZ Sachsenhausen bei Berlin, wo er bis August 1942 eingekerkert war und wurde am 26. August 1942 nach Auschwitz verbracht. Hier wurde er am 23. Oktober 1942 ermordet.
Alois Kunz war einer der ganz wenigen in Marpingen, die gegen den Anschluss des damaligen Saargebietes an Hitler-Deutschland kämpften. Er setzte sich mit aller Kraft gegen das drohende Unheil ein und versuchte die Menschen zur Stimmabgabe gegen Hitler zu bewegen. Vergebens.
Auch an ihn erinnern wir heute hier. Er sollte für uns alle ein Vorbild sein.
Die meisten Marpinger von damals standen ja auf der anderen Seite und lehnten sich wie der Großteil unseres Volkes nicht gegen Hitler auf. Wobei 2 Marpinger sich besonders hervor taten. Dieses ist jetzt erst vor Kurzem wieder durch ein Buch, das bundesweit Aufmerksamkeit erregte, bestätigt worden. In „Auschwitz – Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde – ein Personallexikon", von Ernst Klee, ist Marpingen 2 Mal vertreten. Mit den beiden KZ-Aufsehern aus Auschwitz Viktor Kirsch, der am 13. Dezember 1945 zum Tode verurteilt wurde und am 28. Mai 1946 hingerichtet wurde, und Reinhold Schmidt, der während der gesamten Zeit des Bestehens von Auschwitz als SS-Freiwilliger dort Dienst als Aufseher absolvierte.
Schmidt wird nach wie vor im Marpinger Ehrenbuch als Held geehrt und der Gemeinderat sah bisher immer noch keinen Grund, das Ehrenbuch zu korrigieren.
Der Ortsgruppenleiter, der Alois Kunz denuzierte, steht übrigens ebenfalls noch als Held in diesem Buch.
Ich hoffe nach wie vor, dass der Gemeinderat wenigstens diesen beiden den Heldenstatus nachträglich streicht.
Zum Schluss möchte ich noch einmal an unseren Antrag auf Errichtung einer Gedenktafel für die Marpinger Zwangsarbeiter(innen) erinnern. Vor zwei Jahren hatte ich an dieser Stelle zum ersten Mal öffentlich darauf hin gewiesen. Im April 2012 stimmte der Hauptausschuss einstimmig zu, eine Gedenkstätte für die 71 Marpinger Zwangsarbeiter(innen) zu errichten. Es sah so aus, als würde das Projekt ohne große Widerstände zu verwirklichen sein. Es wurde aber in der Gemeinderatssitzung vom 12. Dezember 2012 vom Ortsvorsteher von Alsweiler in Frage gestellt, und ein Mahnmal an die Marpinger Zwangsarbeiter(innen) in der Nähe des Hiwwelhauses in Alsweiler wurde abgelehnt. Seit der Zeit hat die Gemeinde offensichtlich wenig unternommen, um die Suche nach einem Standort voran zu treiben. Im März soll es dazu eine Podiumsdiskussion in Alsweiler geben. Wir werden sehen, ob die Gemeinde die Kraft hat, angemessen an ihre Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen zu erinnern.
Wir begehen diesen Nationalen Gedenktag heute in Marpingen nun schon zum 18. Mal. Seit DSCF5651seiner Einsetzung legen wir hier einen Kranz nieder und erinnern an die Opfer der Nazi-Barbarei. Und unsere Beharrlichkeit scheint Früchte zu tragen. Nicht nur, dass der Kreis mit Landrat Udo Recktenwald unser Anliegen aufgegriffen hat, am 9. November vor der ehemaligen Synagoge in St. Wendel der Pogromnacht zu gedenken, was seit 2009 geschieht, ist bemerkenswert, sondern auch im sportlichen Bereich tut sich etwas. Am Freitag konnte man in den Marpinger Nachrichten lesen, dass der FC Hellas, der Marpinger Fußballverein, anlässlich des 27. Januar dazu aufruft, die Verbrechen und Gräuel, die in deutschem Namen damals geschahen, niemals zu vergessen und heute gegen jegliche Form von Rassisms und Antisemitismus vorzugehen, insbesondere auch auf den Sportplätzen.
Das nehme ich als Anlass, auf unsere Ausstellung hinzuweisen, die wir zusammen mit der Gemeinde Marpingen vom 9. März bis zum 13. April in Marpingen in der Alten Mühle zeigen werden. „Kicker, Kämpfer und Legenden", heißt sie und sie gibt Auskunft über Schicksale jüdischer Fußballer, Trainer und Funktionäre in der Nazi-Zeit. Und wir hoffen, dass die Aktiven und Mitglieder der Fußall- und Sportvereine unserer Gemeinde die Ausstellung fleißig besuchen und sehen können, was Antisemitismus, Rassismus und Hass auf Minderheiten anrichten können.

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an Alois Kunz legen wir nun diesen Kranz nieder.

 

 

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