Sieh ich bin des Herren Magd

Zwei Nein-Stimmen in Marpingen

Am Abend der Reichstagswahl vom 29.März 1936 geschah in Marpingen ein Verbrechen, das bis heute nicht gesühnt wurde. Die Täter sind offiziell unbekannt.

Am 29. März 1936 stellte Hitler sich mit einer reichsweiten Einheitsliste der NSDAP zur Wahl. Ziel war es ein möglichst einstimmiges Ergebnis für die nationalsozialistische Liste zu erreichen. Dafür wurde einiges an Propaganda investiert. Der Stimmzettel bot nur die Möglichkeit für den „Führer" Adolf Hitler und seine NSDAP zu stimmen oder eben seine Wahl ungültig zu machen. Im Vorfeld der Wahl wurde ziemlich großer Druck aufgebaut. Es wurde an die Volksgemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl appelliert, Zeitungsschlagzeilen wie „Unser Leben gehört dem Führer" oder „Wir halten dem Führer die Treue – Kinderreiche stimmen am 29. März geschlossen mit ja!" prasselten vor dem Wahltag täglich auf die Leser(innen) ein. Wenn man Gegner des verbrecherischen Systems war, hatte man es sicher schwer, sich dieser Stimmung zu entziehen. Vom Regime wurde eine 100 %ige Wahlbeteiligung angestrebt und propagiert, so dass diejenigen Regimegegner(innen), die damit liebäugelten, die Wahl zu boykottieren, von vornherein den Gedanken verwarfen, weil sie sich durch Nichterscheinen im Wahllokal sofort verdächtig gemacht hätten. Zumal in den Dörfern jeder über die Einstellung des anderen Bescheid wusste.

Reichstag für Freiheit und Frieden

Wahlkreis

 

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

 

 

Adolf Hitler

 

 

Heß     Frick     Göring     Goebbels

 

 

(Muster des Stimmzettels)

So begaben sich am Wahlsonntag auch der Marpinger Kaplan Emil Fritzsche und die Köchin des katholischen Pfarrers, Fräulein Barbara Kinzinger, gemeinsam ins Wahllokal, um ihre Stimme abzugeben.

Der Zeitzeuge Alois Kunz, jun., berichtete folgendermaßen über die Ereignisse:

„Der Ortsgeistliche (Pastor Biegel) hatte schon in den frühen Sonntagnachmittagstunden sein „Ja", wie alle Marpinger, ohne Benutzung der Wahlkabine abgegeben. Kaplan und Haushälterin des Pfarrhauses, die kurz vor Schließung des Wahllokales hinter dem Vorhang der Wahlkabine ihren Stimmzettel ausfüllten, waren dadurch sofort verdächtig. Ein fanatisch-opportunistisches Mitglied des Wahlvorstandes hatte kurzentschlossen einen Finger in ein Tintenglas getaucht und die verdächtigen Umschläge unbemerkt markiert. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Nach Ablauf der Wahlzeit wurde die Wahlurne geöffnet, die beiden mit Tintenfinger markierten Wahlumschläge wurden wieder entdeckt und als Nein-Stimmen identifiziert. Die einzigen Nein-Stimmen in Marpingen - vom Kaplan und von der Haushälterin des Pfarrhauses.
In der Gaststätte des Ortsgruppenleiters trafen sich nach Auszählung der Stimmen die führenden Parteigrößen des Ortes und die Vertreter der Polizei und fassten den Beschluss, noch am selben Abend zu handeln. SA- und SS-Mitglieder und sonstige Parteimitglieder und -anwärter marschierten geschlossen auf den Kirchberg vor das Pfarrhaus. Dort forderten sie drohend die Herausgabe der „Volksverräter" und „schwarzen Zigeuner". Einige in der Menge waren bewaffnet und so fielen nach kurzer Zeit, als die Tür nicht sofort geöffnet wurde, mehrere Schreckschüsse. Der Pastor machte schließlich die Tür auf und übergab die beiden, Haushälterin und Kaplan, der johlenden Menge. Man hing beiden jeweils ein Schild mit Schmähschriften um den Hals, die ein Lehrer der hiesigen Schule vorbereitet hatte, damit die Marpinger informiert würden, wie die „schwarzen Zigeuner" abgestimmt hatten. Auf dem Schild von Barbara Kinzinger konnte man eine Frau Gottes, wahrscheinlich eine Nonne, sehen mit der Inschrift darunter: „Sieh', ich bin des Herren Magd, ich allein hab' Nein gesagt".
So wurden die beiden von der johlenden Menge unter Anführung der örtlichen Nazigrößen durch das Dorf geführt, wobei sie gestoßen, geschlagen und angespuckt wurden. Als der Zug beim Haus des Ortsgruppenleiters in der heutigen Marienstraße, in der Nazizeit Adolf-Hitler-Straße, ankam, verhängte die örtliche Polizei die anrüchige „Schutzhaft" und beide wurden abtransportiert. Erst nach Einschaltung der bischöflichen Behörde in Trier wurde später eine Entlassung aus dem Zuchthaus in Germersheim erreicht. Der Kaplan Fritzsche durfte fortan nicht mehr in der Marpinger Schule unterrichten."

Soweit die Erinnerung von Alois Kunz, jun..

Auch eine andere Zeitzeugin, Justina Dewes, bestätigte diesen Ablauf der verbrecherischen Tat. Abends nach der Wahl hätte es einen Tumult gegeben. Eine Meute wäre den Kirchberg hoch ans Pfarrhaus und hätte den Kaplan und die Haushälterin abgeführt. „Das Dorf hat Kopf gestanden", so Frau Dewes wörtlich. Unter Absingen von Spottliedern sei man mit den beiden durchs Dorf gezogen.

Diese unglaubliche Geschichte wird im Wesentlichen auch bestätigt durch eine handschriftliche Eintragung in der Marpinger Schulchronik. Dort steht wörtlich:
„Am 29. März 1936 war die Reichstagswahl. Es wurden 2 Neinstimmen gezählt. Sie sollen, wie sich das Gerücht verbreitete, von dem Kaplan Emil Fritzsche und der Köchin des Pfarrers, Frl. Kinzinger, abgegeben worden sein. Der Kaplan verließ am anderen Morgen mit seinem Auto den Ort, die Köchin wurde an einem der nächsten Abende durch die SA verhaftet und mit einem Auto abgeführt. Beide kehrten nach einiger Zeit wieder nach hier zurück. Dem Kaplan wurde die Erteilung des Religionsunterrichtes in der Schule untersagt."
Der Verfasser der Schulchronik in dieser Zeit war der Rektor Johann Becker.

Dass das Ereignis nicht heimlich abgelaufen war, zumal geschossen wurde, und in Marpingen mit Sicherheit Dorfgespräch gewesen war, kann man auch aus einem „Bericht über das Wirken unseres Hochwürdigen Herrn Pfarrers Jakob Biegel in Marpingen und seinen Tod am 1. März 1946", herauslesen. Dieser wurde verfasst am 28. März 1946 und wurde quasi als ehrender Nachruf für den verstorbenen katholischen Pfarrer Jakob Biegel, der während der nationalsozialistischen Herrschaft als Pastor die Marpinger Kirchengemeinde führte, in die Schulchronik eingeheftet, allerdings ohne Nennung des Verfassers. Dort kann man über Pastor Biegel lesen: „... Schlimme Zeiten machte er 1936 durch, als sein Kaplan und seine Haushälterin ausgewiesen wurden. Damals zeigte sich sein edler, priesterlicher Charakter. Kein bitteres Wort kam über seine Lippen. Nur beten tat er für die, die ihm so Schweres angetan. ... Wie litt er schwer, als der Geistliche aus der Schule verwiesen wurde. ..."

Die Täter, die das Verbrechen damals verübten, sind bis heute nicht benannt, geschweige denn wurden sie vor Gericht angeklagt und verurteilt. Einige von ihnen findet man aber mit Sicherheit im Marpinger Ehrenbuch, in dem auch heute noch unter den „Helden" des Krieges 17 Nitglieder der NSDAP verehrt werden unter ihnen der damalige Ortsgruppenleiter der NSDAP und ein Aufseher des KZ Auschwitz.

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