Arisierung

Was geschah mit den jüdischen Geschäften in St. Wendel?

Bis 1935 gab es eine stattliche Anzahl von Geschäften und Betrieben mit jüdischen Eigentümern in der Kreisstadt. Der größte und bekannteste jüdische Betrieb war wohl das Kaufhaus Daniel. Alle jüdischen Unternehmer in St. Wendel beendeten spätestens im Jahre 1935 ihre Aktivitäten. Die meisten verkauften ihre Geschäfte an nicht-jüdische St. Wendeler Kaufleute und verließen die Stadt oder, wie im Falle Berl, mussten sie aus wirtschaftlichen Gründen schließen.

Es war schwierig herauszufinden, wieviele und welche jüdische Betriebe es in St. Wendel bis 1935 gab, da in der einschlägigen Heimatliteratur so gut wie nichts darüber zu finden ist. Anhaltspunkte boten die Durchsicht der beiden St. Wendeler Zeitungen und das Studium der Notarsakten, die im Landesarchiv aufbewahrt werden, sowie das Adressbuch für den Kreis St. Wendel von 1933. Diese Quellen ermöglichten es, auf der Basis der unveröffentlichten Arbeit „Juden in St. Wendel" des St. Wendeler Heimatforschers Roland Geiger, der Namen und Familienverhältnisse der St. Wendeler Juden mustergültig recherchierte, Namen, Sitze und Eigentümer der jüdischen Geschäfte der Kreisstadt St. Wendel im Großen und Ganzen zu eruieren. Wobei betont werden muss, dass das Ergebnis keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit und 100-prozentige Korrektheit bezüglich Namen und Orten erhebt. Allerdings ergibt sich immerhin eine Vorstellung darüber, wie stark integriert der jüdische Teil der St. Wendeler Bevölkerung ins Wirtschaftsleben der Stadt war und was durch den institutionalisierten Antisemitismus der damaligen Zeit zerstört worden ist.
Heute findet man in der Kreisstadt keinerlei Spuren mehr von dem ehemals blühenden jüdischen Wirtschaftsleben St. Wendels.

Das römische Abkommen vom 03.12.1934 bot den Juden des Saargebietes für ein Jahr nach der Rückgliederung, d.h. also bis zum 29.02.1936, die Möglichkeit, legal und unter Schutz ihres Eigentums auszuwandern. Diese Möglichkeit nahm die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung St. Wendels in Anspruch. Ohne die im Reich schon seit Januar 1933 verstärkt angewandte Besteuerung des Vermögens der auswandernden Juden - ab Januar 1933 konnte jeder Emigrant nur noch 200,00 RM unversteuert ausführen, ab September 1934 lag die Freigrenze bei 10,00 RM, der Steuersatz betrug 25% - über sich ergehen lassen zu müssen, versuchte die jüdische Kaufmannschaft St. Wendels ihre Unternehmen einigermaßen wertgerecht zu verkaufen. Anzeigen in den beiden St. Wendeler Zeitungen zeugen davon.
So konnte man am 21. Januar 1935 im „Volksblatt" lesen: „Gutes Geschäft im Zentrum von St. Wendel umständehalber billig zu verkaufen. Wo sagt die Geschäftsstelle dieses Blattes." Oder in der Bahnhofstraße 18 wurde ein komplettes Wohnzimmer und Schlafzimmer, sowie die komplette Geschäftseinrichtung und andere Möbel und Einrichtungsgegenstände zum Verkauf angeboten. In dieses Ladenlokal zog dann vier Wochen später, so wurde angezeigt, das „Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft Anna Scherer" ein. Der Miteigentümer des Kaufhauses Daniel, Milian Daniel, bot in beiden Zeitungen am 24. Januar 1935 „ein Klavier, Speisezimmer und Badezimmer und sonstige Möbel zum Verkauf an".
Allerdings waren die Verhandlungspositionen nicht die besten, hatte man doch gar keine andere Wahl, als so schnell wie möglich zu einem Vetragsabschluss zu kommen, wollte man die Fristen des römischen Abkommens einhalten. So sind denn auch die erzielten Verkaufserlöse nicht besonders hoch, sondern lagen weit unter den normalen Marktpreisen, und mancher nicht-jüdische St. Wendeler Käufer erlangte sein neues Geschäft oder sein neues Grundstück regelrecht zu einem Schnäppchen-Preis. Die Notlage der bedrängten jüdischen Kaufleute wurde oftmals schamlos ausgenutzt.

Im Folgenden die Arisierungsgeschäfte in der Kreisstadt St. Wendel, die vom Autor des "Alternativen Heimatbuches" herausgefunden wurden.

Jüdische Verkäufer

Arische“
Käufer

Kaufobjekt

Gesamtpreis

Clemence Stern, geb. Freund und Ehemann Arthur Stern, Kaufmann

Eheleute Mathias R., Landmesser und Maria, geb. S., Lebach

In der Mühlwies, Wohnhaus mit Hofraum, 2,10 Ar, (Flur 11, Nr. 728/41)

300.000,00 Fr (= 49.341,15 RM), 150.000,00 Fr sofort zahlbar, Rest bis spätestens 01.09.34, Eheleute Stern konnten noch unentgeltlich bis 10.09.34 dort wohnen, falls bis dann nicht geräumt: 2.000,00 Fr/ Monat Miete.

Witwe von Israel, genannt Julius, Sender, Ida Sender, geb. Jakob,

Kaufmann Josef H. und Ehefrau Hedwig, geb. A., St. Wendel

Brühlstraße 5, Wohnhaus mit Hofraum, 1,67 Ar

9.500,00 RM, abzüglich Hypothekenschulden zu zahlen 500,00 RM in 3 Raten (28.05.34, 01.07.34, 01.08.34)

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Postassistent Karl B. und Ehefrau Barbara, geb. S., St. Wendel

Wendelinusstraße, Hofraum etc. und Stall, 1,03 Ar,

9.000,00 Fr (= 1.480,23 RM), wurden bezahlt.

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Kaufmann Peter S. und Ehefrau Helene, geb. K., St. Wendel

3 Äcker, 39,46 Ar

5.563,85 Fr (= 915,09 RM)

 

 

 

 

Jakob Kahn, Metzgermeister, und Ehefrau Sophie, geb. Stern

Metzgermeister Eheleute Eugen D. und Martha, geb. E.

Brühlstraße 9, Wohnhaus mit 2 Hofräumen, Scheune und Stall, 1,95 Ar + 0,60 Ar + 1,21 Ar , samt Metzgereieinrichtung

 

250.000,00 Fr plus 23.150,00 Fr für die Metzgereieeinrichtung, zus. 273.150,00 Fr (=44.925,12 RM)

 

 

 

 

Kaufmann Arthur Stern, St. Wendel

Stadt St. Wendel, Dr. Emil Flory

Schloßstraße, 3 x Hofraum und Schuppen 0,48 Ar

5.000 Fr (= 822,35 RM)

 

 

 

 

Berthold und Gustav Hugo Sender, Kaufleute,

Kaufleute Hans S. und Rudolf S., Söhne von Wilhelm S., St. Wendel

Bahnhofstraße 18, Wohnhaus, 3,63 Ar, und Lagerhaus, 2,18 Ar, im Kaufpreis enthalten zwei Badezimmerein-richtungen im Wert von 12.000,00 Franken

270.000,00 Fr (= 44.407,04 RM), wurde bezahlt, Verkäufer konnten bis zum 30.04.35 die Paterreräume ohne den Laden für 1.000,00 Fr Miete (= 164,47 RM) nutzen.

 

 

 

 

Jakob Eppstein, Kaufmann, und Ehefrau Laura, geb. Lehmann

Drogist Albert Busert, St. Wendel

Balduinstraße 16, Wohnhaus mit Hofraum, 0,84 Ar

16.000,00 RM, 14.500,00 RM zu zahlen innerhalb 4 Wochen, Rest zu zahlen innerhalb von 2 Jahren.

 

 

 

 

Oskar Haas, Kaufmann, und Ehefrau Emmy, geb. Alexander

Bahnhofswirt Wilhelm A. und Ehefrau Lina, geb. W., St. Wendel

Luisenstraße 16, Gebäudefläche, 0,47 Ar, Wohnhaus, 0,40 Ar,

Hospitalstraße 1, Hofraum und Wohnhaus mit Hofraum, 0,55 Ar

35.000,00 RM, Käufer übernahmen Hypothekenschulden in Höhe von

19.815,00 RM, als Auszahlung wurden 15.185,00 RM vereinbart.

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Elektromeister Jakob, G. und Cäcilia, geb. G., St. Wendel

Balduinstraße 23, Wohnhaus mit Hofraum und Stall, 2,63 Ar

 

20.000,00 RM, sofort zahlbar 10.000,00, Rest ab 01.01.36.

 

 

 

 

Moritz Rothschild, Handelsmann, Viehhändler

Maria K., Tochter von Franz K., St. Wendel

Wilhelmstraße 19, Wohnhaus mit Hofraum, Hausgarten und Stall, 5,10 Ar

16.500,00 RM, bereits gezahlt wurden 5.500,00 RM, der Rest war zahlbar nach Umschreibung.

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Bauer Erich W., St. Wendel

Mehrere Äcker, ca. 111 Ar

550,75 RM

Edmund Rothschild, Handelsmann

Hauptlehrer i.R. Heinrich Josef K., St. Wendel

Acker, 25,63 Ar

325,00 RM

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Gastwirt Johann J., St. Wendel

Balduinstraße, Scheune und Stall, 0,96 Ar

1.850,00 RM, zahlbar bis 01.10.1935

 

 

 

 

Moritz Rothschild, Handelsmann, Viehhändler

Maria Elisabeth S., St. Wendel

2 Wiesen, 15,22 Ar

950,00 RM

 

 

 

 

Isaak Lehman, Landwirt und Kinder Paula, Thekla, Walter und Flora

Kaufmann Michael H., St. Wendel

Hospitalstraße 32, bebauter Hofraum mit Wohnhaus und Stall, 2,12 Ar

8.000 RM, zahlbar nach vormundschaftlicher Genehmigung.

 

 

 

 

Kaufmann Paul Wildmann

Kaufmann Emil Sertel, und Ehefrau Marianne, geb, S., Niederkirchen

Kelsweilerstraße 27, Wohnhaus mit Hofraum, Stall und Lagerschuppen, 12,57 Ar,

Garten, dort, 0,11 Ar

44.000,00 RM, 25.000,00 RM sofort nach Umschreibung zahlbar, Rest von 19.000,00 RM zahlbar in monatl. Raten, erstmals am 15.03.1936.

 

 

 

 

Leo Rothschild, Handelsmann, Viehhändler und Ehefrau Karoline, geb. Kahn

Anstreichermeister Nikolaus S. und Ehefrau Rosa, geb. T., St. Wendel

Wilhelmstraße 5, Wohnhaus mit Hofraum und Stall, samt Badeeinrichtung, 3,27 Ar

 

19.500 RM, abzüglich Hypothekenschulden zu zahlen 3.709,06 RM, zahlbar bei Löschung der Hypotheken.

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Student Hans F., Sohn von Dr. med. Georg F., St. Wendel

Wendalinusstraße, Hofraum, Scheune, Stall und Schweinestall, 4,02 Ar

7.000,00 RM, abzüglich Schulden, Rest von 5.080,00 RM wurde gezahlt.

 

 

 

 

Ida Rothschild, geb. Weil, Witwe von Siegfried Rotschild, Händler

Katharina L., geb. M. Witwe des Bäckermei-sters Nikolaus L., St. Wendel

Mott, Bahnhofstraße 12, bebauter Hofraum mit Hausgarten, 2,52 Ar

25.500,00 RM, abzüglich Hypothekenschulden zu zahlen 18.352,80. Sofort waren zu zahlen 16.352, 80 RM, Rest bis 15.11.1935.

 

 

 

 

Berta Hanau,

Emma Juliane, genannt Gertrude, W., St. Wendel

Kirchgässchen 3, Wohnhaus mit Hofraum, 0,55 Ar

4.000,00 RM, 1.000 RM wurden sofort gezahlt, Rest sollte später gezahlt werden.

 

 

 

 

Ludwig Hirsch, Handelsmann, St. Wendel und Julius Hirsch, Handelsmann, Tholey

Eisenbahnschlosser Josef S., Ehemann von Anna Maria, geb. S., St. Wendel

Kelsweilerstraße 20, Wohnhaus mit Hofraum und Stall, 2,78 Ar

8.000,00 RM, sofort zahlbar 3.000,00 RM, Rest bis 01.02.1936

 

 

 

 

Dr. Fritz Oettinger, Rechtsanwalt, Martin Eppstein Kaufmann, Edith Eppstein, geb. Daniel, Bevollmächtigte und Eigentümer der Firma Daniel

Kaufmann Anton Stier, St. Wendeli

Luisenstraße 2 a, Wohnhaus mit Nebengebäude und Hofraum, 1,09 Ar

Luisenstraße 4, Waschküche, 0,58 Ar, Wohnhaus und Kaufhaus, 4,86 Ar, Hofraum, 4,86 Ar

Hospitalstraße 6 a, Wohnhaus mit Hofraum, 0,62 Ar

70.000 RM

Hugo Salm, Handelsmann, und Ehefrau Frieda, geb. Rothschild, Ottweiler

Gerbereibesit-zer Franz K. für Witwe Uhrmacher Karl M., Magdalena, geb. M.

Nußpus, 2 Äcker, 38,20 Ar

538,62 RM

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Bäcker Karl L. und Ehefrau Maria, geb. L., St. Wendel

Unterm Gottesacker, Acker, 46,45 Ar

5.567,00 RM

 

 

 

 

Betty Reinheimer und Frieda Reinheimer, beide ohne Stand

Elisabeth S., geb. P., Witwe des Fuhrmanns Johann S., St. Wendel

Flur 6, Nr. 818/64, Wohnhaus und Waschküche mit Hofraum, Hintergebäude, 2,13 Ar

10.500,00 RM, abzüglich Schulden zu zahlen 8.000,00 RM, zahlbar nach der Umschreibung im Grundbuch.

 

 

 

 

Handelsmann Edmund Rothschild, St. Wendel, für seinen Bruder Berthold, Kaufmann, in Dortmund

Metzger Karl B., Ehemann von Philippine, geb. B., Oberlinxweiler

Schmalwies, Wiese, 34,78 Ar

1.226,00 RM

 

 

 

 

Isaak Lehman, Landwirt und Kinder Paula, Thekla, Walter und Flora

Hebamme i.R. Barbara G., geb. B., St. Wendel,

Im Wingert, 2 Gärten, 8,00 Ar

1.410,00 RM, zahlbar nach vormundschaftlicher Genehmigung.

 

 

 

 

Leo Rothschild, Handelsmann, Viehhändler, handelnd für seine Tochter Doris

Maria Anna K. und Gerberei-besitzer Franz K., St. Wendel

Wassersack, Acker, 25,16 Ar

1.500 RM

 

 

 

 

Leo Rothschild, Handelsmann, Viehhändler

Verkäuferin Maria Elisabeth, genannt Paula, B., St. Wendel

In der Geiswies, 4 Wiesen und Am Unterweg 3 Äcker, 80,34 Ar

283,20 RM

 

 

 

 

Ludwig Sender, Kaufmann

Rangiermeister Peter K. und Ehefrau Elisabeth, geb. S., St. Wendel

Mott, Wilhelmstraße 8, Wohnhaus mit Hofraum, Garten und Stall, 3,29 Ar

19.000,00 RM, abzüglich Hypothekenschulden zu zahlen 10.185,99 RM, zahlbar bis zum 05.01.36.

 

 

 

 

Edmund Rothschild, Handelsmann

Schlosser- und Elektromeister Wilhelm B., St. Wendel

2 Wiesen, 37,43 Ar

2.500,00 RM, 1.600,00 RM sind bezahlt, Restforderung von 900,00 RM wurde an die Volksbank St. Wendel abgetreten, in monatl. Raten zu 20,00 RM vom Käufer ab 01.01.36 zu zahlen

Moritz Jacob, Vater von Auguste Ehrlich, geb. Jacob, Ehefrau von Isidor Ehrlich, Kaufmann

Fabrikbesitzer Hans H. und Fritz H.

Am Wirthembösch, 4 Äcker, 88,79 Ar

3.150,40 RM

 (Quelle: "Marpingen und der Kreis St. Wendel unter demHakenkreuz)

Viele jüdische Verkäufer konnten den Verkaufspreis gar nicht mehr erhalten, weil die Zahlung zu einem Termin erfolgen sollte, wo sie schon geflüchtet waren oder an dem die Schutzbestimmungen des "römischen Abkommens" schon keine Gültigkeit mehr hatten.

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