Jüdisches Leben

Im Gebiet des heutigen Kreises St. Wendel ließen sich wahrscheinlich schon im 17. Jahrhundert in Sötern jüdische Menschen nieder und auch in Bosen und Gonnesweiler siedelten in der Folge Juden. Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert sind auch in Tholey jüdische Menschen vorzufinden.

In der Kreisstadt St. Wendel waren wahrscheinlich schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts die ersten jüdischen Menschen ansässig geworden, ihre Spur verliert sich aber wieder Anfang des 15. Jahrhunderts. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten wieder Juden in der Umgebung der Stadt ein Aufenthaltsrecht vom Kurfürsten von Trier erhalten und es dauerte nochmals über hundert Jahre, bis Menschen jüdischen Glaubens in St. Wendel zum dritten Mal sesshaft wurden. Es war die Familie Daniel, die sich 1862 in St. Wendel niederließ und dort begann, ein Warenhaus aufzubauen. Allerdings wurde sie keineswegs mit offenen Armen empfangen. Schon kurz nach ihrer Ansiedlung wurde sie bedroht und ein St. Wendeler Wirt „soll sich nach einem Protokoll eines Gendarmen namens Krämer geäußert haben, er verspreche demjenigen eine Belohnung, der den Juden Daniel in den Bach werfe oder ihn sonst auf eine Art aus dem Weg schaffe."

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich aber das Verhältnis zwischen Juden und Christen nach und nach entspannt und den jüdischen Saarländern gelang es ebenso wie ihren deutschen Glaubensgenossen - die Juden hatten 1871 im neu gegründeten Deutschen Reich die volle Gleichberechtigung erhalten - sich langsam in die Gesellschaft zu integrieren. Auch die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts aufkommende antisemitische Bewegung, die sich als eine neue politische Kraft verstand und mit „dem Zielvorhaben antrat, die Juden als die Hauptschuldigen an allen Übelständen wirksam zu bekämpfen", konnte den anhaltenden Assimilationsprozeß im Saargebiet nicht wesentlich stören.
Das zeigte sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Jüdische Saarländer wurden in Stadt- und Gemeinderäte gewählt und waren Mitglieder in vielen örtlichen Vereinen, von der Freiwilligen Feuerwehr über Gesang-, Musik- und Schachvereine bis hin zu Turn- und Sportclubs. Sogar in ausgesprochen nationalistischen Vereinen fanden sich jüdische Mitglieder, wie im „Merziger Verein Deutscher Waffenbrüder z.B., der die ‚Liebe und Treue für Kaiser und Reich' und die Pflege der Erinnerung an die Soldatenzeit in ‚kameradschaftlicher und nationaler Gesinnung' 1903 auf seine Fahnen geschrieben hatte." Wie stark die jüdischen Saarländer integriert und zum Teil schon assimiliert waren zeigt auch die Teilnahme jüdisch-saarländischer Soldaten am Krieg 1870/71 gegen Frankreich, wo jüdische Männer aus Ottweiler, Merzig, Neunkirchen und Saarlouis an der Front kämpften, und am 1. Weltkrieg 1914/18, wo insgesamt 12.000 jüdische Männer für das Deutsche Reich ihr Leben ließen. Aus der Saarregion waren es am Ende des 1. Weltkrieges 84 jüdische Gefallene. Wie hoch dieser Blutzoll einzuordnen ist, erkennt man allein daran, dass 1910 im Saargebiet gerade einmal 3.749 Juden lebten.
Im Einzelnen gaben aus unserer Gegend die folgenden jüdischen Saarländer im 1. Weltkrieg für Deutschland ihr Leben:

  • St. Wendel: August Alexander, Max Levy, Isaak Reinheimer, Jakob Sender, Leo Sender,
  • Sötern: Isidor Kahn, Samuel Kahn, Julius Lion, Gustav Wolf,
  • Tholey: Albert Kahn.
  • Illingen: Jakob Burkheimer, Moritz Gottlieb, Oskar Lazar, Max Levy, Gottlieb Schwarz,
  • Merchweiler: Leopold Schwarz, Emanuel Hugo Weiler, Julius Weiler,
  • Neunkirchen: Ludwig Herz, Arthur Schönfeld, Ernst Winter,
  • Ottweiler: Max Hermann,


Und dem Kantor der St. Wendeler jüdischen Gemeinde, Sigmund Zodick, verliehen Stellen im Deutschen Reich noch am 03. Juli 1933 das deutsche Feld-Ehrenzeichen, und das St. Wendeler Volksblatt hob in seiner Meldung darüber am 22.08.1933 hervor, dass er im Krieg dreimal verwundet worden sei.

Auch die wirtschaftliche Integration machte ab der völligen Gleichstellung 1870/71 stetige Fortschritte. Zählte bis dahin die jüdische Bevölkerung der Saarregion im 19. Jahrhundert insgesamt eher zu den ärmeren Schichten, insbesondere auch in den ländlichen Gebieten, so war nun ein allmählicher wirtschaftlicher Aufstieg zu verzeichnen. Besonders im Großraum Saarbrücken, aber auch in den Kreisstädten, gründeten jüdische Saarländer(innen) Unternehmen aller Art. Auch in Illingen und St. Wendel gab es größere jüdische Geschäfte, für St. Wendel ist hier als größtes Unternehmen seiner Art im Kreis, das Kaufhaus Daniel mit Zweigniederlassungen in Lebach und Türkismühle zu nennen, und für Neunkirchen das Warenhaus Joseph Levy Wwe. mit mehr als 300 Beschäftigten, das noch Filialen in Friedrichsthal und Sulzbach hatte und 1853 gegründet worden war.
Ähnlich wie bei den Unternehmensgründungen verhielt es sich auch bei den sogenannten freien Berufen. Waren bis in die 1870er und 1880er Jahre jüdische Ärzte und Anwälte an der Saar kaum vertreten, so begannen um die Jahrhundertwende auch in diesem Bereich jüdische Saarländer(innen) immer mehr Fuß zu fassen. 1934 waren knapp ein Fünftel (18%) der im Saargebiet ansässigen Rechtsanwälte jüdisch, daneben gab es einige jüdische Notare und eine Reihe von Ärzten. In Marpingen praktizierte der jüdische Arzt Dr. Heinrich Meyer bis er 1938 vertrieben wurde. Noch 1933 war Dr. Meyer voll in das Marpinger Leben integriert. Als im Juni 1933 eine Freiwillige Sanitätskolonne im Ort gegründet wurde übernahm „der hiesige Knappschaftsarzt, Herr Dr. Meyer, ... in anerkennenswerter Weise die Unterrichtskurse", wie man damals in einer St. Wendeler Zeitung lesen konnte.

Nicht zuletzt ist aber auch das saarländische Kulturleben hier zu nennen, das nicht unerheblich durch jüdische Menschen geprägt wurde. Am Theater in Saarbrücken wirkten in der Völkerbundszeit der hochangesehene Felix Lederer als Generalmusikdirektor und als Intendant des Theaters der innovative Dr. Georg Pauly. Darüber hinaus waren mehrere jüdische Künstler im Ensemble des Theaters tätig. Nicht vergessen werden soll in diesem Zusammenhang Emma Stern, die 1878 in St. Wendel als Tochter des Kaufhausgründers Samuel Daniel geboren wurde und mit ihrem Ehemann Julius Stern in Lebach eine Niederlassung des St. Wendeler Kaufhauses S. Daniel betrieb. Sie konnte fliehen und wurde nach dem 2. Weltkrieg in Frankreich „eine der großen Repräsentantinnen der naiven Malerei". Auch Max Ophüls muss hier genannt werden, der 1902 in Saarbrücken geboren wurde und in den 30er und 40er Jahren eine internationale Karriere als Filmregisseur machte. Heute ist das bekannte gleichnamige Saarbrücker Filmfestival nach ihm benannt.

ISynagoge Kelsweiler13p1120763bm Dezember 1902 ging endlich ein lang gehegter Wunsch der St. Wendeler jüdischen Gemeinde in Erfüllung, die neu erbaute Synagoge wurde feierlich eingeweiht. Im Zuge der Reichspogromnacht wurde sie am Abend des 10. November 1938 von Nazi-Schergen entweiht, angezündet und zerstört. Eine große Menschenmenge soll dabei zugesehen haben. Am 24.11.1938 wurde die verbrannte Ruine dann von städtischen Arbeitern endgültig abgerissen. Viele St. Wendeler(innen) wissen auch heute noch nicht, dass in der Kelsweilerstraße 13 in ihrer Stadt dieserErinnerungsplakette Synagoge Kelsweiler13P1120473 repräsentative Kultbau stand. Seit 1981 erinnert eine unscheinbare Tafel in 3 Metern Höhe am heutigen Haus Kelsweilerstraße 13 an das Gotteshaus.

Die verstärkte Integration des jüdischen Bevölkerungsteils in die christliche Mehrheitsbevölkerung machte sich auch in der Zunahme der Bevölkerungszahl bemerkbar. 1910 lebten im damaligen Saargebiet 3.749 Juden und 1933 waren es 4638, was aber trotz der Steigerung um ca. 23% immer noch nur einen Anteil von etwa 0,56% an der Gesamtbevölkerung des Saargebietes ausmachte. Das Wachstum des jüdischen Bevölkerungsteiles kam hauptsächlich den Ballungsgebieten und den durch die Kohle- und Stahlindustrie geprägten Städten zugute, die traditionsreichen Landgemeinden, wie aus unserer Gegend Illingen und Tholey, hatten dagegen erhebliche Rückgänge der Bevölkerungszahlen zu verzeichnen. Im Zeitraum von 1895 bis 1927 schrumpfte die jüdische Gemeinde von Illingen von 218 auf 162 und die von Tholey von 91 auf 41 Mitglieder. Die jüdische Gemeinde in St. Wendel nahm hingegen im selben Zeitraum von 90 auf 125 zu und zählte 1933, sechs Jahre später, 136 Mitglieder.
Das änderte sich aber direkt nach der Saar-Abstimmung vom 13. Januar 1935 schlagartig. Die meisten jüdischen St. Wendeler(innen) flüchteten aus der Stadt ins benachbarte europäische Ausland oder nach Palästina. Laut Volkszählung lebten am 25. Juni 1935 in der Kreisstadt noch 84 jüdische St. Wendeler(innen)  und im März 1937 waren es nur noch 19. Am 22. Oktober 1940 wurden in der sogenannten "Aktion Wagner-Bürckel", benannt nach den Gauleitern Josef Bürckel (Westmark) und Robert Wagner (Baden), die letzten 4 jüdischen Bürger(innen) aus St. Wendel in einer "Nacht- und Nebelaktion" zusammen mit den anderen übriggebliebenen saarländischen Juden und den Juden aus der Pfalz und Baden nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Dies waren Erna Berl, Eduard Reinheimer, Alice Reinheimer und Ilse Reinheimer. Damit war die Kreisstadt St. Wendel "judenfrei", wie der damalige Sprachgebrauch war. Insgesamt wurden mindestens 33 jüdische St. Wendeler(innen) im Nationalsozialismus ermordet. Seit April 2011 erinnern Stolpersteine an einige von ihnen.

Heute gibt es im Kreis St. Wendel keine jüdische Gemeinde mehr. Insgesamt wurden mindestens 137 Menschen jüdischen Glaubens aus dem heutigen Kreis St.Wendel im Na­tionalsozialismus ermordet. Darunter 6 Kinder unter 10 Jahren. 27 kamen aus Bosen, 10 aus Gon­nesweiler, 8 aus Hauperswei­ler-Herchweiler, 3 aus Neunkirchen/Nahe, 2 aus Oberthal, 34 aus St.Wendel, 47 aus Sötern, 15 aus Tholey und 1 aus Türkismühle.

Literaturhinweise:

 

 

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