Lustig ist das Zigeunerleben

Drei Sinti-Kinder aus Urexweiler

Der deutsche Rassismus während der nationalsozialistischen Herrschaft betraf, und das wurde lange Zeit einfach vergessen, auch die Angehörigen der Sinti und Roma in Europa. Über die Menge ihrer Opfer liegen keine eindeutigen Daten vor. Die Zahl der in Europa bis Kriegsende in Konzentrationslagern und von SS-Einsatzgruppen ermordeten Roma und Sinti wird aber auf eine halbe Million geschätzt. Von den durch die Nazis erfassten 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 ermordet.

 

Unter diesen mehr als 25.000 deutschsprachigen Sinti und Roma waren auch drei Kinder aus Urexweiler, die Geschwister Eva, Maria und Peter Weiß.
Ihre Namen finden sich in den sogenannten „Sterbebüchern“ von Auschwitz. Diese wurden von der SS ab dem 04. August 1941 geführt und enthielten die Todesdaten von Auschwitz-Häftlingen aus dem Zeitraum vom 27. Juli 1941 bis zum 31. Dezember 1943. Während der Evakuierung des Lagers im Januar 1945 wurden die „Sterbebücher“ zum Teil von den SS-Schergen vernichtet, aber die sowjetischen Befreier konnten noch 46 Bände retten und verbrachten diese nach Moskau in ein Geheimarchiv. Erst im Februar 1991 gaben die sowjetischen Behörden die einmaligen Dokumente frei und im Lauf der Jahre 1991/1992 wurden sie zurück in die Gedenkstätte Auschwitz gebracht. Im Jahre 1995 wurden die wichtigsten Einträge in drei Bänden in deutsch veröffentlicht. Diese „Sterbebücher“ sind eine Sammlung von Sterbeurkunden des „Standesamtes II Auschwitz“, die leider lückenhaft ist, aber dennoch fast 69.000 Sterbeeinträge enthält.
Hier finden sich auch die Sterbeurkunden der drei Urexweiler Kinder. Maria und Peter Weiß wurden demnach am selben Tage, nämlich am 23. Juni 1943, ermordet, Maria starb laut Eintrag um 06.35 Uhr und Peter um 19.10 Uhr. Eva fand am 10. Mai 1943 um 11.00 Uhr den Tod.

Die Sterbeurkunden von Maria und Peter wurden am 01. Juli 1943 ausgestellt, die von Eva am 07. Juli 1943 und zwar von dem SS-Oberscharführer Walter Konrad Quakernak. Er leitete ab 1942 das Lagerstandesamt und das Krematorium I im Stammlager. Er wurde vom britischen Miltärgerichtshof zum Tode verurteilt und am 13.12.1945 hingerichtet.
Maria war zum Zeitpunkt ihres Todes 12 Jahre, Peter 17 Jahre und Eva gerade einmal 7 Jahre alt. Als Todesort wurde wie auf allen Sterbeurkunden der „Sterbebücher“ Auschwitz, Kasernenstraße" angegeben. Eine „Kasernenstraße“ gab es im Lager nicht. Mit der Straßenangabe sollte der Eindruck erweckt werden, als sei der Verstorbene an einem ganz normalen Ort in Auschwitz verblichen und nicht im Konzentrationslager. Aus den Sterbeurkunden ging in keinem Fall hervor, dass die Verstorbenen Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz waren.
Als Todesursache wurde bei Maria "Akuter Darmkatarrh bei Körperschwäche", bei Peter "Akuter Magendarmkatarrh" und bei Eva Masernangegeben. Diese Todesursachen waren erfunden und aus einer Liste von vorgegebenen möglichen Todesursachen willkürlich ausgewählt. Möglicherweise mißbrauchte man Maria und Peter für medizinische Versuche, denn die Ärzte, die ihre Sterbeurkunden veranlasst haben, die Doktoren der Medizin Mengele und Thilo, führten beide medizinische Men­schenversuche im „Krankenbau“ in Auschwitz, mit Voriebe an Kindern, durch. Die Eltern der drei Kinder waren Stefan Weiß und Maria Weiß, geborene Reinhardt, die ebenfalls in Auschwitz umgebracht wurden.

Die drei Geschwister wurden alle in Urexweiler geboren, aber nur Maria und Peter dort standesamtlich erfasst und auch ins Taufregister der katholischen Kirchengemeinde eingetragen. Deshalb sind über diese beiden eine Fülle von Daten erhalten geblieben. Ihre Schwester Eva, die ebenfalls in Urexweiler auf die Welt kam, wurde aber nicht mehr dort getauft, jedenfalls findet sich kein Eintrag von ihr im Taufregister. Auch im Standesamt der Gemeinde wurde sie nicht mehr registriert.

Peter Weiß:

Er wurde am 27. Juli 1925 in Urexweiler geboren und am 28. Juli unter der Nummer 36 standesamtlich erfasst. Wörtlich steht in der Standesamtsurkunde:

Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute der Persönlichkeit

nach auf Grund seines Wandergewerbescheines

anerkannt,

der Stuhlflechter und Schirmflicker Stephan Weiß

wohnhaft in Wiesbach, Kreis Ottweiler

und zeigte an, daß von der

Maria Weiß, geborene Reinhard, seiner

Ehefrau

wohnhaft bei ihm

zu Urexweiler im Spritzenhaus

am siebenundzwanzigsten nachmittags

um zwei einhalb Uhr ein Knabe

geboren worden sei und daß das Kind den Vornamen

Peter

erhalten habe

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben

Stephan Weiß“


Am selben Tag noch wurde er in Urexweiler getauft und ins Taufregister eingetragen. Auf der Seite 102 aus dem Jahre 1925 unter der Nummer 39 steht folgenderder Eintrag über Peter Weiß:

die vigesima septima mensis Julii natus et die duodetrigesima Julii per R.D.

renatus est Petrus Weiß filius conjugum Stephani Weiß et Mariae Rein-

hardt habitantium in Wiesbach. Levabat Petrus Fuchs et Katharina

Hinsberger uterque es Urexweiler ortus.

In fidem Bernardy par.“

Peter wurde also einen Tag nach seiner Geburt in Urexweiler von Pfarrer Bernardy getauft, seine Paten waren die Urexweiler Bürger Peter Fuchs und Katharina Hinsberger.

Vier Wochen bevor er achtzehn werden konnte, so belegt die Sterbeurkunde Nr. 23935/1943 aus den „Sterbebüchern“ von Auschwitz, wurde er dort ermordet. Hier seine Sterbeurkunde aus Auschwitz:

 

Peter Weiß

(Quelle: Archiv Gedenkstätte Auschwitz)

Peter Weiß hatte auch noch nachdem das Saargebiet nationalsozialistisch geworden war Verbindungen nach Urexweiler. Bis ins Jahr 1935 war die Familie wohl regelmäßig in Urexweiler, zumindest aber zu den Zeiten, als ihre drei Kinder dort geboren wurden. Man kann also davon ausgehen, dass Peter auch im Mai 1931 als Maria zu Welt kam und im August 1935, als Eva geboren wurde, sich in Urexweiler aufhielt und manche Bewohner des Dorfes ihn womöglich auch kannten. Kontakt zu seinem Paten hatte er auf jeden Fall, denn das belegt ein Bericht über ihn im „St. Wendeler Volksblatt“ auf der Seite „Aus St. Wendel“ vom Samstag, dem 25. April 1936. Peter war damals 11 Jahre alt und befand sich offenbar in einer Notlage. Das „Fahrende Volk“ war in Deutschland nicht wohl gelitten und ab 1935 wurden Sinti und Roma verstärkt ebenso wie die jüdische Bevölkerung diskriminiert und verfolgt. Er war nach Urexweiler gekommen und suchte wohl Hilfe, die er aber leider dort nicht fand. In dem Zeitungsartikel stand wörtlich:

Zigeunerjunge stiehlt Fahrräder. Urexweiler, 24. April. Ein 11jähriger Zigeunerjunge, Peter Weis, der seinerzeit hier in Urexweiler geboren wurde, traf dieser Tage hier ein und suchte seinen Taufpaten auf. Er erklärte demselben, nicht mehr fortgehen zu wollen. Er wäre hier geboren und wolle nun auch hier bleiben, da seine Eltern gestorben seien. Da er aber hier nicht bleiben konnte, der Junge kann weder lesen noch schreiben, sollte er am anderen Morgen durch die Polizei nach St. Wendel zur weiteren Verwahrung gebracht werden. Für die Nacht fand er Unterkunft im Obdachlosenasyl. Aber anscheinend ließ ihm das Zigeunerblut in den Adern doch keine Ruhe, denn am Morgen war das Bürschchen verschwunden. Auch stellte sich gleich heraus, daß einem Nachbarn ein Herren- und Damenrad fehlten.An dem betreffenden Morgen fuhr ein Bergmann von Urexweiler mit seinem Rade zur Schicht, als am Ausgang des Ortes hinter ihm her der Zigeunerjunge auf einem Damenfahrrad ankam. Er stellte den Jungen zur Rede, der zur Antwort gab, er wolle spazieren fahren. Der Mann nahm ihm das Rad ab und stellte es in einer Scheune sicher. Nun hatte der Zigeunerjunge die Frechheit und ging zurück, nahm das andere Rad und verschwand. Hoffentlich wird der Dieb bald gefaßt.

Der 11-jährige Peter ahnte wohl, was ihm bevorstehen könnte und wollte bei seinem Paten, Peter Fuchs, in Urexweiler bleiben. Der nahm ihn allerdings nicht auf und bevor er anderntags „durch die Polizei nach St. Wendel zur weiteren Verwahrung gebracht“ werden konnte, machte er sich frühmorgens aus dem Staub. Wie es ihm dann weiter erging, konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden. Sicher jedoch ist, dass er, sechs Jahre nach seinem Verschwinden aus Urexweiler, am 26. August 1942 ins Jugend-Konzentrationslager Moringen eingeliefert wurde - in der Sterbeurkunde von Auschwitz ist als Wohnort Moringen angegeben - das ab Juni 1940 als KZ für männliche Jugendliche eingerichtet worden war. In diesem KZ wurden im Rahmen der NS-Rassenpolitik medizinische Experimente an Kindern und Jugendlichen durchgeführt. „Sogenannte Kriminalbiologen - unter Führung von Dr. Dr. Robert Ritter - versuchten ihre Thesen, wonach Kriminalität und Asozialität erblich bedingt sein sollten, mit pseudowissenschaftlichen Untersuchungen an den inhaftierten Jungen zu belegen. ... Auf der Basis der in Moringen geschaffenen „wissenschaftlichen“ Grundlagen (sollte) die rassistische Rechtfertigung für die Ausrottung oder Unfruchtbarmachung ganzer Bevölkerungsgruppen ... geschaffen werden. Versuchsobjekte waren die jungen Häftlinge. ... Viele wurden auf der Grundlage von „erb- und kriminalbiologischen Gutachten“ zwangssterilisiert oder in andere Konzentrationslager deportiert.“ 

(http://www.gedenkstaette-moringen.de/). Letzteres geschah mit Peter, er landete in Auschwitz und wurde dort im Alter von 17 Jahren vergast. Im KZ Moringen erhielt er die Häftlingsnummer 726, und war im Beobachtungsblock B2 untergebracht. Am 24. März 1943 wurde er nach „Auschwitz verschubt“, wo er drei Tage später, am 27. März 1943, in Birkenau ankam. Auf der Transportliste stand als Bemerkung „Zigeunermischling“. Er wurde ins „Zigeunerlager“ verbracht und erhielt dort die Häftlingsnummer 5164. Drei Monate später war er tot.

 

Maria Weiß:

Sie wurde am 06. Mai 1931 in Urexweiler geboren und am 09. Mai unter der Nummer 20 des Jahres 1931 standesamtlich erfasst. Wörtlich lautete der Standesamtseintrag:

Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute der Persönlichkeit

nach auf Grund seines Wandergewerbescheines

anerkannt,

der Stuhlflechter und Geigenhändler Stefan Weiß

wohnhaft in Webenheim, Bayern

und zeigte an, daß von der Maria Weiß, geborene

Reinhard, seiner Ehefrau

wohnhaft bei ihm

bei Urexweiler in einem Steinbruch

am sechsten Mei des Jahres

tausend neunhundert einunddreißig nachmittags

gegen vier Uhr ein Mädchen

geboren worden sei und daß das Kind den Vornamen

Maria

erhalten habe;

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben

Stefan Weiß“

Vier Tage nach ihrer Geburt wurde Maria in Urexweiler getauft und ins Taufregister eingetragen. Auf der Seite 177 aus dem Jahre 1931 unter der Nummer 26 steht der Eintrag über Maria Weiß:

die sexto mensis Maii nata et decimo m.e.

renata est Maria Weiß filia conjugum Stephani Weiß et Mariae

Reinhardt ex Webenheim (Pfalz). Levaban Victor Rohner et Maria

Mehle uterque ex Urexweiler. Bapt. Jung, par.

In fidem Jung, par.“

Maria wurde also am 10. Mai 1931 in Urexweiler von Pfarrer Jung getauft, ihre Paten waren die Urexweiler Bürger Victor Rohner und Maria Mehle.

Es war ihr gerade einmal vergönnt, 12 Jahre und 17 Tage zu leben. Dann fand sie im Konzentrationslager Auschwitz den Tod. In ihrer Sterbeurkunde ist folgendes eingetragen:

 

„Nr. 23934/1943

Auschwitz, den 1. Juli 1943

Die Maria Weiß

katholisch

wohnhaft Höhnebach, Kreis Rodenburg

ist am 23. Juni 1943 um 06 Uhr 35 Minuten

in Auschwitz, Kasernenstraße verstorben.

Die Verstorbene war geboren am 6. Mai 1931

in Urexweiler

Vater: Stefan Weiß

Mutter: Maria Weiß geborene Reinhardt

Eingetragen auf schriftliche Anzeige des Arztes Doktor der

Medizin Mengele in Auschwitz vom 23. Juni 1943

Auschwitz, den 1.7.1943

...

Todesursache: Akuter Darmkatarrh bei Körperschwäche“

 

Eva Weiß:

Sie wurde 7 Jahre, 8 Monate und 27 Tage alt. Hier ihre Sterbeurkundeaus dem Konzentrationslager Auschwitz:

 

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(Quelle: Archiv Gedenkstätte Auschwitz)

Der letzte Wohnsitz von Eva war wie bei ihrer Schwester Maria Hönebach.


Insgesamt wurden etwa 234.000 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren nach Auschwitz deportiert. Ca. 220.000 von ihnen waren jüdisch, über 11.000 waren Kinder und Jugendliche von Sinti und Roma und über 3.000 Kinder und Jugendliche aus Polen, Weißrußland und der Ukraine. Das Los der ins Lager deportierten Kinder war schrecklich. Grundsätzlich wurden die jüdischen Kinder unmittelbar nach ihrer Einlieferung ins Lager zusammen mit älteren, gebrechlichen und zur Arbeit untauglichen erwachsenen Juden ermordet. Die allermeisten der nach Auschwitz deportierten Kinder und Jugendliche überlebten den Aufenthalt im Lager nicht.

 

Allein unter dem Namen Weiß finden sich in den „Sterbebüchern" 13 ermordete Kinder unter einem Jahr. Das jüngste von ihnen, Amalie Bertha Weiß, geboren am 01. Februar 1943 in Friedewald, wurde am 09. April 1943 im Alter von gerade einmal 2 Monaten und 7 Tagen umgebracht. Insgesamt findet man unter den 387 Opfern mit dem Namen Weiß(ss) 104 Kinder unter 16 Jahren, und wie schon erwähnt drei davon aus dem Marpinger Ortsteil Urexweiler.

Literaturhinweise:

  • Rose Romani, „Den Rauch hatten wir täglich vor Augen“, Heidelberg 1999
  • Kubica, Helena, „Kinder und Jugendliche im KL Auschwitz“, in „Auschwitz, Nationalsozialistisches Vernichtungslager“, Museum Auschwitz-Birkenau 1997
  • Eberhard Wagner, "Marpingen und der Kreis St. Wendel unter dem Hakenkreuz - ein alternatives Heimatbuch", St. Ingbert 2008
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